Es gibt Bücher, die beim Wiederlesen ein neues Leben entwickeln. Jedoch bei der Fülle an Neuerscheinungen, die Jahr für Jahr die Regale der Buchhandlungen und Algorithmen digitaler Plattformen okkupieren, ist das eher die Ausnahme, denn der Impetus inflationärer Wichtigkeit, der das Tagesgeschäft des Buchmarktes ausmacht, gehorcht in aller Regel anderen Gesetzen. Nach dem wiederholten Lesen von Julian Barnes Roman, der bei näherem Hinschauen eigentlich eine Novelle ist, ist jedenfalls von einem modernen Klassiker der Literatur zu reden. Ich bevorzuge diese Klassifizierung, denn leider ist auch die Begrifflichkeit der Weltliteratur in unseren Tagen viel zu sehr strapaziert wurden als das sie in diesem Fall genügend Überzeugungskraft bereithielte.
Der Text gliedert sich in zwei Teile, die ihm seine innere Struktur geben und dem Buch seinen Titel, denn mit dem Ende der einen Geschichte beginnt eine ganz andere Geschichte. Julian Barnes entwickelt aus den Unzulänglichkeiten des Erinnerns seines Protagonisten, das Konstrukt einer fundamentalen Selbsttäuschung und stellt damit auch uns die Frage, was an greifbarer Substanz vom Leben bleibt und ob das, was wir Realität nennen, tatsächlich auch so gewesen ist. So gesehen kann man „Vom Ende einer Geschichte“ als einen fast perfekten literarischen Text lesen, dessen Narrativ zugleich eine Vermessung von Sein und Schein im Leben eines Menschen ist.
„Inzwischen war ich zu Hause ausgezogen und hatte als Trainee in der Kulturverwaltung angefangen. Dann lernte ich Margaret kennen; wir heirateten, und drei Jahre später wurde Susi geboren. Wir kauften mit einem großen Darlehen ein kleines Haus; ich pendelte jeden Tag nach London. Aus meiner Ausbildung wurde eine lange Karriere. Das Leben verging. Irgendein Engländer hat mal gesagt, die Ehe sei eine lange, fade Mahlzeit, bei der der Nachtisch zuerst serviert wird. Ich finde das viel zu zynisch. Ich hatte viel Freude an meiner Ehe, aber vielleicht war ich ruhiger – friedfertiger -, als es gut für mich war. Nach vielen Jahren fing Margaret etwas mit einem Mann an, der ein Restaurant führte. Ich mochte ihn nicht besonders – sein Essen übrigens auch nicht -, aber das ist wohl nicht weiter verwunderlich. Das Sorgerecht für Susi wurde uns gemeinsam zugesprochen. Zum Glück schien sie nicht allzu sehr unter der Trennung zu leiden; und wie mir jetzt auffällt, habe ich meine Schadens-Theorie nie auf sie angewendet. Nach der Scheidung hatte ich ein paar Affären, aber nichts Ernstes. Ich erzählte Margaret immer von jeder neuen Freundin. Damals kam mir das nur natürlich vor. Heute frage ich mich manchmal, ob ich sie damit eifersüchtig machen wollte oder ob das womöglich eine Art Selbstschutz war, damit die neue Beziehung nicht allzu ernst wurde. Außerdem entwickelte ich in meinem nun leer gewordenen Leben verschiedene Ideen, die ich als „Projekte“ bezeichnete, vielleicht, um sie realisierbar klingen zu lassen. Es ist nie etwas dabei herausgekommen. Na, das ist nicht von Bedeutung und gehört auch nicht zu meiner Geschichte. Susie wuchs heran und wurde allgemein Susan genannt. Als sie vierundzwanzig war, schritt sie an meinem Arm zum Standesamt. Ken ist Arzt; Inzwischen haben sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Auf den Fotos, die ich in der Brieftasche mit mir herumtrage, sind sie immer jünger als in Wirklichkeit. Wahrscheinlich ist das normal, um nicht zu sagen „philosophisch evident“. Aber man ertappt sich immer wieder bei dem Spruch „Sie werden so schnell erwachsen“, wenn man eigentlich nur meint: die Zeit vergeht heutzutage schneller für mich. Margarets zweiter Mann erwies sich als nicht so friedfertig: Er ging mit einer Frau auf und davon, die ihr ganz ähnlich sah, aber die entscheidenden zehn Jahre jünger war. Sie und ich verstehen uns immer noch gut. Wir treffen uns bei Familienfeiern und manchmal zum Mittagessen. Einmal wurde sie nach ein, zwei Gläsern sentimental und meinte, wir könnten es doch noch einmal miteinander versuchen. Es sind schon verrücktere Dinge passiert, wie sie sich ausdrückte. Das ist sicher war, aber inzwischen war ich an meinen eigenen Trott gewöhnt und schätzte das Alleinsein. Vielleicht bin ich auch einfach nicht verrückt genug für so etwas. Ein-, zweimal war von einem gemeinsamen Urlaub die Rede, aber ich glaube, jeder erwartete, dass der andere diesen Urlaub planen und die Tickets besorgen und die Hotels buchen würde. Also ist es nie dazu gekommen. Jetzt bin ich im Ruhestand. Ich habe meine Wohnung und alles, was ich brauche. Ich habe ein paar Kumpel, mit denen ich einen trinken gehe, und mehrere Freundinnen - platonisch, natürlich. (Und die gehören auch nicht zu dieser Geschichte.) ich bin Mitglied der hiesigen Historischen Gesellschaft, bringe aber nicht die rechte Begeisterung dafür auf, was Metalldetektoren alles zutage fördern. Seit einiger Zeit betreue ich ehrenamtlich die Bibliothek in unserem Krankenhaus; ich mache meine Runde durch die Stationen, teile Bücher aus, sammle sie wieder ein und gebe Empfehlungen ab. So komme ich mal vor die Tür, und es ist gut, etwas Nützliches zu tun; außerdem lerne ich so neue Leute kennen. Kranke Menschen natürlich, auch sterbende Menschen. Aber wenigstens kenne ich mich im Krankenhaus aus, wenn ich mal an der Reihe bin. Das ist dann ein Leben, nicht wahr? Ein paar Erfolge und ein paar Enttäuschungen.“ (S.69-71)
Julian Barnes gibt Tony Webster, Hauptfigur dieser Geschichte, die Stimme, die uns das Geschehen vermittelt. Und Tony Webster bietet dem Leser etwas an, das jeden von uns, so oder so ähnlich betrifft. Denn diese komprimierte Zeit, die diese zwei Druckseiten des Buches füllen, ergeben einen Plot, der zugleich das Leitmotiv dieser komplexen Story ist, schließlich geht es um nichts Geringeres als das Tony der Annahme ist, dass das sein Leben ist. Und an dieser scheinbaren Gewissheit richtet Tony, dieser durchaus sympathische Durchschnittstyp, seine Existenz aus, bis, ja bis zu dem Zeitpunkt als seine Vergangenheit, seine Gegenwart und Zukunft gleichermaßen grundlegend in Frage stellen wird.
Tony, Colin und Alex sind Freunde und prototypisch für das jugendliche Aufbegehren in der Middle-Class der 60ziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und in den Charakteristiken und Verläufen ihrer Biografien liefert Barnes zugleich ein intensives Sittenbild Englands dieser Zeit, am Scheideweg von z.T. noch viktorianisch geprägten Traditionen, dem der Furor der Verweigerung einer neuen Generation gegenübersteht, in deren Ergebnis die Popkultur in jede Faser nicht nur dieser Gesellschaft dringen wird.
Irgendwann kommt Adrian, dieser charismatische, hochintelligente Überflieger in ihre Klasse und aus der Clique der drei wird ein Verbund von vier, der sich in seiner Selbstermächtigung, erkühnt, leichten und unbedenklichen Schrittes durch die ach so beschwerliche Zeiten der Pubertät zu gehen. Ansonsten hält das Leben dieser Vierer-Bande keine existenziellen Herausforderungen bereit, die ihr Dasein grundsätzlich hinterfragen würden. Vielmehr basiert ihr Tun, vor allem jedoch ihr (Unter)Lassen auf dem Privileg, welches selbstgewissen Teenager eigen ist, die sich in einem Kosmos negierender Wahrnehmungen bewegen, Zitat: „Ja, natürlich waren wir prätentiös – wozu ist die Jugend denn sonst da?“ (S.17).
Dann jedoch eine Zäsur, ihr 15-jähriger Mitschüler Robson erhängt sich. Nichts hatte auf diesen Selbstmord hingedeutet, wenngleich Robson auch nicht die Aufmerksamkeit der Klasse genoss. Es soll sich bei ihm ein Abschiedsbrief gefunden haben, der aus einem einzigen Satz bestand: „Tut mir leid Mama.“ (S.22). Diese vier Worte: „Tut mir leid Mama“ markieren in ihrer lapidaren Eindringlichkeit den tonlosen Aufschrei eines Alleingelassenen, dessen Verzweiflungstat in diesen ganz und gar missglückten Hilferuf mündet, wovon Tony, seine Freunde und die Menschen in der näheren Umgebung jedoch kaum Notiz nehmen, müssen sie sich doch sehr bald wieder um ihr eigenes Leben kümmern, zumindest um das, was sie als solches erachten. Das Momentum dieses Suizids erscheint fast beiläufig als ob es, naja, ein verdammter Unfall gewesen ist, der leider passieren kann. Damit setzt Barnes in einem frühen Stadium der Erzählung einen Kontrapunkt, eine gegenläufige Realität zu den vermeintlichen Tatsachen, die weiterhin passieren werden. Und dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, dass der Autor damit eine Metaebene entwickelt, die mit fortwährender Dauer die Spannung steigern wird.
Nach der Schule trennen sich die Wege der Freunde. Adrian bekommt ein Stipendium für Cambridge und Tony studiert Geschichte in Bristol. Dort lernt er Veronica kennen, die Liebe seines Lebens – eigentlich, denn Veronica bleibt ihm gegenüber stets in einer ihm nicht erklärbaren Distanz. Ein gemeinsames Wochenende bei ihrer Familie, von dem er sich so viel versprochen hatte, gerät zum Fiasko, denn ihm wird klar, dass er niemals in dieser Welt dazu gehören wird. Einzig Veronicas Mutter zeigt ihm gegenüber so etwas wie Empathie, was ihn aber eher verwirrt als das er es als eine Anerkennung seiner selbst sieht. Nur folgerichtig, dass die Beziehung zwischen ihm und Veronica, die eigentlich nie wirklich eine gewesen ist, sehr bald zu Ende ist. Später wird er dann erfahren, dass Veronica mit Adrian, seinem besten Freund, zusammenlebt.
Nach dem Studium unternimmt er einen Trip in die USA, der ihn ziel- und zwanglos durch die Zeit treiben lässt. Nach längerer Abwesenheit kehrt er nach Hause zurück und erfährt durch einen Brief vom Freitod Adrians. Zudem teilt ihm die Anwaltskanzlei mit, dass er von Veronicas Mutter in deren Testament mit fünfhundert Pfund bedacht wurde und das sie ihm das Tagebuch von Adrian testamentarisch vermacht habe.
Das Tagebuch Adrians lässt seine Vergangenheit wieder gegenwärtig werden. Er versucht Kontakt zu Veronica zu finden. Das gelingt ihm schließlich und es kommt zu einem Treffen. Veronica tritt ihm bei dieser Zusammenkunft als das immer noch rätselhafte Wesen aus Jugendtagen entgegen, deren unnahbare Aura ihn verwirrt. Nur ohne sie wird er das Tagebuch von Adrian, welches noch in ihrem Besitz ist, nicht bekommen können. Sie händigt ihm bei einem nächsten Treffen eine fotokopierte Seite davon aus, allein, das sind Brosamen, die nur mehr Fragen als Antworten für ihn ergeben. Er liest darin Adrians unvollendeten Satz: „Zum Beispiel, wenn Tony...“ (S.107).
In der Folge erfahren wir von dem Brief, den Tony Adrian geschrieben hat als er mit Veronica liiert war, und wir erfahren darin von seinem niederträchtigen, von Rache getriebenen Ansinnen den Beiden gegenüber. Wir lesen von verletzten Eitelkeiten, Eifersüchteleien, Hasstiraden und von einem ganz und gar egozentrischen Habitus des Verfassers. Diese niedergeschriebenen Sätze hatte Tony vollkommen verdrängt und in die verriegelten Räume seines Vergessens verbannt, nur das ihn, wie jeden von uns, die Vergangenheit dann doch so unmissverständlich einholen kann, wie die Gezeitenwelle des Flusses Severn, einem Naturphänomen, das Barnes in seinem Buch gleichsam als eine Metapher dafür nutzt, ist dann der Preis, der an das wirkliche Leben zu entrichten ist! Schließlich ist dieser Brief wohl der Auslöser, dass Adrian sich aus dem Leben bringt und Tony über das Ende dieser Geschichte hinaus, dem Sinn seines Lebens wird nachgehen müssen. Das ist, Zitat: „philosophisch evident“ (S.19…), denn, Zitat: „Je länger wir leben, desto weniger verstehen wir.“ (S.160)
Sollte ich jetzt noch ein wenig spoilern?! Okay, dann sei das noch gesagt, Adrian jr., der behinderte Sohn Adrians, der uns in dieser aberwitzigen Straßenszene, die mich in ihrer Bildkraft an „Das Gleichnis der Blinden“(1) von Pieter Brueghel d. Ä. oder aber auch den unerlaubten Ausflug der Insassen der psychiatrischen Einrichtung in Formans Meisterwerk, „Einer flog über das Kuckucksnest“ (2) erinnerte, das erste Mal begegnet, ist nicht der, den diese Geschichte für uns bereithält. Sein ominöses Geheimnis lüftet der Autor am Ende, ebenso wie auch erst dann die Wahrheit über Veronica offenbar wird. Und das alles, so viel sei verraten, erinnert in seiner exemplarischen Aussage an das Konstrukt eines antiken Dramas, dass uns das Vexierspiel angenommener Gewissheiten ganz und gar vor Augen halten wird.
(1): Pieter Brueghel, Das Gleichnis der Blinden, 1568, Tempera auf Leinwand, Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel;
(2): Milos Forman, Einer flog über das Kuckucksnest, 1975, amerikanischer Spielfilm
Julian Barnes, „Vom Ende einer Geschichte“, Roman, geb., 192 S., 22.00 EUR, ISBN: 978-3-462-04433-1, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2011, Taschenbuch: ISBN: 978-3-442-74874-7, Verlag btb;