Lazar und die Anderen

Nelio Biedermann, dessen noch junges Leben gerade einmal zweiundzwanzig Jahre zählt, scheint, durch die Insignien, mit denen das Feuilleton seinen Roman „Lazar“ bedachte, gleich nach seinem Erscheinen, und das in über zwanzig Ländern, in die Annalen, wenn (noch) nicht der Weltliteratur, so doch, unter dem machen es die meisten Rezensenten auch gar nicht, in den Kanon der deutschsprachigen Literatur eingegangen zu sein. Denn nicht anders ist es zu erklären, dass immer wieder der Name Thomas Mann fällt, mit dem er verglichen wird. Und dass kein Geringerer als ein Daniel Kehlmann ihm bescheinigt, Zitat: „Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.“ Allein ein solches Zeugnis dürfte dem Verlag eine weitere Auflage beschert haben. Und in diesem Kontext ist es dann auch nur folgerichtig, dass dieser medientaugliche und ebenso medienaffine, juvenale Erzähler in den Talkshows des gehobenen Geschmacks für respektable Resonanz sorgte und sorgt. Und Veranstalter seiner Lesungen haben sehr schnell begriffen, dass sie Säle organisieren müssen, die hunderte Zuhörer fassen. Allerdings, bei diesem augenscheinlichen Erfolg liest sich der Subtext gleich mit, denn der erzeugte Hype um dieses Buch ist für mich vor allem eines, ein durch den Literaturbetrieb künstlich beatmeter Vorgang, denn schließlich lebt auch diese Branche längst in einer fiebrigen Realität digital getriebener Aufmerksamkeitsareale. Nur das die unabhängigen Buchhandlungen in Deutschland, „Lazar“ zu ihrem Lieblingsbuch 2025 kürten, bereitet mir dann doch einiges Kopfzerbrechen.  

Was ist da geschehen? 

Vor einigen Tagen hörte ich in einem Feature im Radio von dem literarischen Ereignis des Jahres. Wenngleich jenes noch jung an Tagen ist, war sich der Moderator ganz sicher, dass „Schleifen“, der Roman des österreichischen Schriftstellers, Elias Hirschl, alles, was in letzter Zeit im deutschsprachigen Raum erschienen ist, ob seiner thematischen und stilistischen Radikalität, denn schließlich ginge es um nichts Geringeres als die Abschaffung der Sprache, in den Schatten stelle. Und die Süddeutsche Zeitung vermerkte, dass der Autor auf 400 Seiten 2000 Einfälle hätte. Sensationell, oder?! Und worum es in diesem Buch im Eigentlichen ginge, das sei in Anbetracht der bestechenden Fülle an Ideen des Autors eine eher zu vernachlässigende Frage. Hm!? Elias Hirschl, zugeschaltet, bemühte dazu eine Reflexion, die ihm in seiner Bildhaftigkeit als Erklärung zu seinem Werk doch recht passend erschien. So hätte eine Freundin sich vorgenommen, David Forster Wallace Mammutwerk „Unendlicher Spaß“ zu essen, sei dabei aber nur bis Seite 300 gekommen. Ach ja! Und was will er uns damit sagen?

„Der lebende Beweisheißt der neue Roman von Lola Randl. In einem Interview zu ihrem Buch schien Frau Randl allerdings reichlich überfordert von ihrem eigenen Schreiben gewesen zu sein, denn in einer seltsamen Ratlosigkeit artikulierte Sie ein Misstrauen ihrem Text gegenüber und konnte nicht plausible vermitteln, worum es ihr in dieser Geschichte gegangen sei. Da fielen eigenartige Zuordnungen, die zwischen Postanarchisten, einer kosmischen Forschung oder so und der alles erhellenden Psychoanalyse changierten. Und am Ende, in einer erlösenden Liebesszene, vereint mit der handfesten, in sich ruhenden Polizeiobermeisterin Fischer in einer schlammigen Pfütze, erspürt die sinnsuchende Protagonistin, dass es um das Ich als eigentlichen Bezug geht. So what?! Warum befasst sich das Feuilleton mit so einem Stoff? Oder habe ich nicht herausgelesen, dass das womöglich eine Satire ist. 

Nachdem ich den „Lazar“ beiseitegelegt hatte, beschäftigte mich, was es denn mit dem Getöse um dieses Buch auf sich hatte, denn für mich stimmte etwas nicht mit diesem Text, dem allenthalben etwas Unfertiges anhaftete, wenngleich er phasenweise einen wie in einem Sog mitnehmen konnte, Zitat: 

„Jakub Jakubowskis beste Jahre lagen weit zurück (wenn es sie überhaupt je gegeben hatte). Er hatte vier Jahrzehnte an der äußersten östlichen Grenze der gewaltigen Monarchie, an der Schwelle zur fruchtbaren (…) Ukraine, als Schreiber eines Hauptmanns gedient. Sein Leben war eintönig, wie die weite Landschaft gewesen, die Tage kaum voneinander zu unterscheiden. Da der Gedanke, das Habsburgerreich könnte endlich sein, undenkbar war, gab es nicht viel zu tun – sie waren nur eine der tausend kleinen Städte an der gesicherten Grenze des riesigen Imperiums. Die Soldaten exerzierten, putzten ihre Gewehre, Stiefel und Säbel, besuchten abends das Casino und danach das Bordell. Manchmal blickten sie in den endlos weiten Himmel oder in die ewiggleiche gelbe Einsamkeit der Ukraine und verfluchten den Kaiser für seinen Größenwahn. Jakub Jakubowski sah den Himmel und die Landschaft nur im Sommer, denn er betrat das Schreibzimmer, das an das Büro des Hauptmanns grenzte, frühmorgens und verließ es erst am späten Abend wieder. Dazwischen schrieb er Briefe.“

Zugegeben, das faszinierte beim Lesen und schürte das Interesse auf mehr solcher dichter Sprachbilder. Beim genaueren Hinsehen entdeckte man freilich, dass es sich fast wie eine kopierte Szenerie aus Joseph Roths „Radetzkymarsch“ anfühlte. Überhaupt nehmen sich, die mich überzeugenden Stellen aus, als seien es plagiierte Passagen eines E.T.A. Hoffmann, Thomas Mann, Marcel Proust o.a. einer Virginia Woolf - und diese Auflistung ließe sich noch weiter fortführen. In einer anderen Szene macht es Biedermann dann auch ganz klar und ungeschminkt, Zitat: „Kurz stellte er sich auch den Kaplan mit zerschlagenem Schädel vor, im Garten liegend, nach einem Sprung aus dem Fenster. Egon Fridell hatte sich ja so das Leben genommen als Österreich gerade an das Deutsche Reich angeschlossen wurde.“ (S.202). Nelio Biedermann sagte in einem Interview mit der ZEIT dazu, Zitat: „Sie alle, (Anm.: also seine literarischen Bezüge) handeln vom Verstreichen der Zeit, dem eigentlichen Thema meines Romans.“ Erstaunlich, dass der Fragesteller das ohne nachzufragen zur Kenntnis nahm, denn was befasst sich in der Literatur eigentlich nicht mit dem Vergehen der Zeit? 

So scheint es mir an der Stelle geboten, dieses Buch als das zu sehen, was es ist, wenig originär und schon gar nicht solitär. Wieso also hat die Literaturkritik es mit soviel Gloriole bedacht? Dazu aber später mehr! 

Sprachlich, und das ist nun mal das Kriterium eines literarischen Textes, ist der Roman hinlänglich unzulänglich, Zitate:

„Der eine Polizist war blond, hatte ein spitzes Kinn und abstehende Ohren". Das Gesicht des anderen war speckig, gerötet und durch und durch deutsch“ (S.201Mal abgesehen von der leblosen Beschreibung des Gesichtes, verliert sich das alles in einem sehr peinlichen Klischee, denn was bitte ist „durch und durch deutsch“ in einem Gesicht?  

Und zu meinem Unbehagen werde ich weiter fündig, ich lese von: "…männergemalten Frauen…“ (S.212). Das rutscht schon derb aus, wieso steht da nicht - von Männern gemalte Frauen? Ich verstehe es nicht! 

Oder: „…den Schlossalltag eher behinderte als erleichterte.“ (S.215) Warum zu behindern noch ein Nicht-Erleichtern redundant benutzt wird, bleibt mir ein Rätsel.

Oder: „Wenn drei Wörter reichten, um aus Äpfeln Birnen zu machen.“ (S.218). Das ist dann verbale Folklore als dass es eigenständige Sprache wäre.

Und dann denkt man, uff, zwei Seiten noch, dann ist es geschafft, aber dann gibt es noch diese Sottise: „Die junge Frau war schwanger und hatte ein solches Verlangen nach Gewürzgurken…“ (S. 328/329)

Leider gilt, dass derartigen Peinlichkeiten noch eine erkleckliche Anzahl an Beispielen hinzugefügt werden könnte. Wer lektorierte eigentlich wie diesen Text? Und versäumen möchte ich auch nicht, Nelio Biedermann eine manifeste Vorliebe für das Partizip II zu bescheinigen und das am Beispiel des Wortes: „gewesen“. Jenes „gewesen“ tritt als regelrecht inflationärer Bestandteil in dieser Geschichte auf und häufig genug an der falschen Stelle, die einen möglichen Sprachfluss zugleich wieder auflöste, Zitate:

„Deshalb war es auch nur eine Frage der Zeit gewesen…“ (S.204)

"deren Worte waren nie so tröstend, deren Küsse nie so schön gewesen, wie jene der Mutter…“ (S.212)

„Es waren vor allem Ältere gewesen, an denen die anderen…“ (S.214)

Drei Beispiele von ungezählten weiteren auf gerade einmal 10 Seiten der 330 Seiten des Buches. Das provoziert mich glatt zu einer neuen Wortfindung, nämlich der des „Partizipisten“.

In den Vorschautexten der Verlage, und nicht nur dort, finden sich viele lärmende Bekanntmachungen über die gegenwärtige Literatur, die ich bereits früher in ihren nicht selten irritierenden Plakatierungen von schneller, höher, weiter und sowieso am besten, etc. p.p., mit Skepsis zur Kenntnis genommen habe! Längst aber gefallen sich, in einem immer weniger auf Tatsachen basierenden Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Akteure in einer selbstgewissen Beharrlichkeit, denn je mehr die Behauptungsebene als der konkrete Text gilt, um so begieriger bemühen sich die Medien darum. Die drei Romane "Der lebende Beweis“, „Schleifen“ und Lazar“ haben dann auch das Zeug, aus wenig Materie dazu viel Material zu schaffen, einem Perpetuum Mobile gleich, welches Follower, Klicks, Einschaltquoten und Druckauflagen generiert und für Money, Money, Money… sorgt. Dabei wird die Leserschaft und das Publikum mit halb garen Beiträgen bei der Stange gehalten, schließlich gilt: „The Show must go on!“

Aber ich habe Hoffnung, weil ich in dem Fall des „Lazar“ berechtigte Zweifel hege, ob dem Rowohlt Verlag mit seiner flankierenden, marktschreierischen Attitüde zu dem Buch des noch am Anfang einer vermeintlichen Karriere stehenden Autors, wirklich geholfen ist, denn eine derart erfolgsorientierte Fokussierung, die die literarische Substanz des Stoffes nicht in ihren ursächlichen Fokus nimmt, gerät unglaubwürdig und das wiegt langfristig allemal schwerer als eine kurzfristig eingefahrene monetäre Selbstbestätigung. Ganz zu schweigen davon, welche Folgen das für das weitere Schreiben dieses jungen, talentierten Schriftstellers haben kann. Und dass er in seinem Schreiben durchaus zu überzeugen weiß, finde ich auch an Stellen in diesem Buch, Zitat: 

„Was tut ein Schriftsteller anderes (…), als seinen Figuren das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen. Er legt ihnen Kriege in den Weg, schreibt ihnen Depressionen ins Gemüt oder entreißt ihnen ihre erste Liebe […]. Die Figuren können sich nicht wehren, der Schriftsteller macht mit ihnen, was er will, lässt sie leiden und vergeblich hoffen, um sich seiner Überlegenheit zu vergewissern“ (S. 289)

Die „ZEIT“ bat vor ein paar Wochen in ihrer Ausgabe kurz vor Weihnachten, Autorinnen und Autoren darum, ihre Gedanken zu Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit, den Leserinnen und Lesern zu vermitteln. Nelio Biedermann lieferte dazu diesen Text: 

„Leise werden sie sein, die letzten Tage der Menschheit. Das Weinen in der Welt ist verklungen, die verstreuten Stimmen sind verstummt, die Geschichten alle auserzählt; eine Zukunft gibt es nicht. Über den vor Eis erstarrten Ebenen, über den Wüsten, die die Städte verschluckten, ist nur noch Wind. Der Liebe Gott ist tot, man hat ihn längst vergessen, selbst sein Name klingt fremd und fern. Die letzten Tage der Menschheit werden bleiern sein und lang. Die Katastrophen werden nichts Katastrophales mehr an sich haben, sondern zum Alltag gehören, wie ein Regenschauer. Die Menschen werden auch nicht an ihnen zugrunde gehen, sondern an der Müdigkeit, der Erschöpfung, der Resignation, die sie durchdrungen und nicht mehr verlassen haben. Sie werden sich verkriechen und warten. Sich sehnen nach einer Welt, die sie nie kannten. In der die letzten Tage der Menschheit noch etwas Fürchterliches waren. Sie werden zusammenrücken, sich ganz dicht aneinanderlegen und die Nacht erwarten. Über ihnen, im stummen blauen Auge, das der Himmel sein wird, werden Vögel kreisen und Wolken dunkler Insektenschwärme schweben. Und sie alle, die letzten Dinge werden froh sein, dass es zu Ende ist.“

Wenn es noch eines Beleges bedurfte - das ist er, dieser junge Mann kann schreiben! Bitte, die ihr in Zukunft mit ihm zu tun haben werdet, lasst ihn schreiben, begleitet ihn behutsam dabei, aber durchaus auch kritisch und gebt ihm vor allen Dingen Zeit für sein neues Buch.

                                                                             

Nelio Biedermann, „Lazar“, Roman, HC, 230 S., ISBN: 978-3-7371-0226-1, Verlag Rowohlt Berlin, 2025;