Scurati versus Menasse

 

Nach meinem „Zeitalter der Pflicht-Manuskripte“ habe ich mir geschworen, keine Bücher mehr weiterzulesen, wenn diese mir keinen Nährwert geben können, und deshalb sorry,  an die Runde, in der wir beschlossen hatten, den Roman von Robert Menasse "Vertreibung aus der Hölle" zu lesen, denn ich muss diese Runde nun enttäuschen, da ich leider nicht behaupten kann, dass dieser Roman, nun, wie soll ich sagen, ein Plaisir gewesen sei, nein, das war er nicht, ganz und gar nicht - bedauerlicherweise. Vielmehr bescherte mir dieses Buch allerhand zähe, zuweilen auch recht freudlose Stunden. Nur, es war eine gestellte Aufgabe und mein Respekt dem gegenüber erzeugte in mir eine Disziplin, das deshalb auch zu tun, trotz wachsender innerer Widerstände gegenüber diesem Stoff. Immer wieder kamen mir beim Lesen Parallelen zu den vielen Manuskripten, die ich seinerzeit beruflich zu bewältigen hatte, solchen, die unendlich langweilten, keinen überzeugenden Plot boten und deren Sprache so zwischen Kopfgeburt und an den Haaren herbeigezogen daherkam. Und in etwa so habe ich auch dieses Buch wahrgenommen. Daher war es für mich eine Genugtuung als eine Dame aus unserem Kreis, mit der ich in einer ganz anderen Sache kürzlich kommunizierte, mir sagte: „Sie hätte dieses Buch beiseite gelegt, sei da überhaupt nicht reingekommen.“ Das machte so ein erfreutes „Uff“ in mir, dass ich endlich, was ich die letzten Wochen, nach dem grandiosen Eindrücken, die der erste von fünf Bänden der Mussolini-Biographie von Antonio Scurati bei mir hinterließ, immer wieder versucht war zu tun, nun endlich und sogleich mit dem 2. Band dieses außergewöhnlichen Werkes fortzufahren. Zitat:

“Draußen liegt der Platz des Heiligen Grabes. Kaum hundert Menschen, alles Männer, die nichts zählen. Wir sind wenige, und wir sind tot. Sie warten darauf, dass ich rede, doch ich habe nichts zu sagen. Der Schauplatz ist leer, überschwemmt von Millionen Leichen, eine Flut toter Leiber, verflüssigt und zu Brei geworden, die aus den Schützengräben im Karst, auf dem Ortigara und am Isonzo aufgestiegen ist. Unsere Helden sind bereits gefallen oder werden es sein. Wir lieben sie bis zuletzt, ausnahmslos. Wir hocken auf dem heiligen Berg der Toten.”

So beginnt der 1. Teil dieser Biographie, sprachgewaltig und bildgesättigt, dabei faktenreich und historisch konkret. Ich kann mich nicht erinnern, je so über einen historischen Stoff gelesen zu haben, dessen einziger Makel vielleicht darin besteht, dass die Gattungsbezeichnung Roman nicht ganz schlüssig ist, denn ich denke: herausragend erzähltes Sachbuch; trifft es besser, aber schließlich ist das auch gut zu vernachlässigen.

Und der besagte 2. Teil beginnt mit einem vergleichbaren Furor, Zitat:

Der Atem ist pestig, der Schmerz zerreißt den Unterleib, das grünlich Erbrochene ist von Blut durchschliert. Von seinem Blut. Die druckschwarzen Seiten segeln in die stinkende Lache. Unmöglich, Zeitung zu lesen. Sein glorreicher, von saurer Hypersekretion und Gasen gedunsener Körper schlingt Luft und ringt mit über die Armlehne des Sofas zurückgekippten Kopf nach Sauerstoff. Ringsum tanzt das Zimmer einen Ringelreigen aus offenen Magengeschwüren.“

Nach der Lektüre des ersten Bandes schrieb ich, beeindruckt, benommen, jedenfalls so etwas von beidem, von dem, was ich da gelesen hatte, am Strand des Mittelmeeres an der toskanischen Küste, wohin ich diesen Ziegelstein jeden Tag unseres Urlaubes geschleppt hatte, Zitat:

„Beim Lesen von Scuratis Mussolini-Biographie legt sich über die Jetzt-Zeit, die in ihrer wahrnehmbaren arglosen Selbstverständlichkeit des scheinbar Vertrauten, sich vor meinen Augen abspielt, jene Zeit, die im kaum sichtbaren Hintergrund schon immer gewesen ist, und es formt sich schließlich und endlich das, was ich eine stetig existente, furchtbar beängstigende Realität nennen möchte.“

Und wie eine Bestätigung meiner Gedanken erscheint dazu noch dieses Zitat aus einer Rede, die Mussolini zweieinhalb Stunden ohne Manuskript, ja reden können diese Potentaten bis heute, denken wir nur an Mister Universe Trump, vor Hunderten Parlamentariern im Mai 1927 in Rom hielt, Zitat:

„Heute tragen wir die Lüge des allgemeinen Wahlrechts zu Grabe.“ „Meine Herren: Es ist an der Zeit zu sagen, dass die Polizei nicht nur respektiert, sondern geehrt gehört. Meine Herren: Es ist Zeit zu sagen, dass der Mensch noch vor dem Bedürfnis nach Zivilisation ein Bedürfnis nach Ordnung verspürt hat. In gewissem Sinne kann man sagen, dass es historisch gesehen erst den Polizisten gab, dann den Professor.“ (Zitat Ende)

Nach dieser Rede wurde das Parlament in Italien aufgelöst und der Faschismus, den Mussolini als Staatsform kreiert hatte, herrschte uneingeschränkt. Die Folgen sind bekannt, nur welche Lehren ziehen wir daraus?

Antonio Scurati, Mussolini, eine Biographie in 5 Bänden, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, HC, ISBN Band 1: 978-3-608-98567-2, 3. Auflage 2020, 32 EUR;

Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle, Suhrkamp Verlag ; ist vergriffen und nur gebraucht auf dem Zweitmarkt verfügbar