Der lange Atem der literarischen Figur des Frank Bascombe, die Richard Ford mit den Romanen: „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“, „Die Lage des Landes“, „Frank“ und „Valentinstag“ annähernd vierzig Jahre in die Weltliteratur einschrieb, wäre ohne Walker Percys „The Movigoer“, 1961 in den USA erschienen und ein Jahr später mit dem National Book Award ausgezeichnet, nicht denkbar gewesen. In einem Interview äußerte Richard Ford, dass er 30-Jährig, 1974, damals in New Orleans lebend, den Roman in die Hände bekam und in einem Zuge gelesen hätte. Danach sei sein Leben als Autor ein anderes gewesen, denn er hätte nun verstanden, dass Komik und Tragik, die für ihn bis dahin in seinen Texten nicht zusammengefunden hätten, unabdingbar für sein Schreiben geworden seien, und ihn dadurch zu der Figur des Frank Bascombe inspiriert hätten.
Zitat: „Vielleicht stimmt das. Jedenfalls bin ich dem Instinkt nach Jude. Wir sind im selben Exil. Tatsache ist freilich, dass ich jüdischer bin als die Juden, die ich kenne. Sie fühlen sich heimischer als ich. Ich bekenne mich zum Exil. Ein anderer Beweis: vor kurzem berichtete ein Soziologe, ein bemerkenswert hoher Prozentsatz einsamer Kinogeher seien Juden.“ (1), Zitat Ende.
Der, der das sagt ist der „Kinogeher“, Jack Bickerson „Binx“ Bolling, Hauptfigur des Romans und Spross einer angesehenen Südstaatenfamilie, die über Generationen hinweg, den Habitus der wohlhabenden, gebildeten weißen Eliten Amerikas repräsentiert. Er verdient viel Geld als Wertpapiermakler in New Orleans der 1950er-Jahre, hat Affären und führt, wie es scheint, ein geordnetes Vorstadtleben, ohne Erschütterungen oder nennenswerte Infragestellungen. Gleichwohl steht er seinen Mitmenschen in einer autistisch anmutenden Distanz gegenüber, teilnahmslos, zu keinen Gefühlen bereit. Wir erleben damit zugleich seine Entfremdung von der Gesellschaft, in der er lebt, von deren Zwängen und lähmender Routine er sich zu befreien sucht. Und wir lesen von seinen traumatischen Erlebnissen im Koreakrieg, die ihm dort fast das Leben gekostet hätten und die ihn immer wieder in Sinnkrisen stürzen werden.
Einzig das Kino bietet ihm die Flucht vor der gähnenden Leere des immergleichen Alltags und der eigenen Bedeutungslosigkeit. Er spiegelt jeden Film und seine Protagonisten an dem was ihn umgibt. Im Ergebnis bleibt ihm eine mehrfach gebrochene, ambivalente Erkenntnis, denn nicht der Irrtum, der zu korrigieren wäre, macht sein Leben aus, vielmehr ist es die Realität in der er leben muss.
Zitat: „Die Filme handeln von der Suche, fälschen sie aber ab. Die Suche endet da immer in Verzweiflung. Sie zeigen zum Beispiel einen Zeitgenossen, der an einem fremden Ort zu sich kommt – und was tut er? Er schließt sich mit der örtlichen Bibliothekarin zusammen, fängt an, den Kindern des Ortes zu beweisen, was für ein netter Kerl er ist, und wird ansässig. Binnen zwei Wochen ist er so sehr in Alltäglichkeit versunken, dass er ebensogut tot sein könnte.“ (2), Zitat Ende.
Zugleich sieht er in den Filmen die Möglichkeit eines Traums, denn sie wirken oft echter als sein eigenes Leben. Somit ist das Kino für ihn zugleich ein Filter, um seine Realität zu ertragen. Und sie werden ihn auf seiner Suche nach dem Sinn des Lebens immer wieder begleiten.
Schließlich wird er mit seiner suizidalen Cousine Kate, mit der ihn ein tiefes, platonisches Verständnis verbindet, eine Reise nach Chicago unternehmen, in deren Folge allmählich der Prozess einer Selbstfindung bei ihm einsetzen wird. Er, der Suchende steht an der Schwelle einer tiefgreifenden Erfahrung, die ihn den zelluloidgetränkten Schleier einer Scheinwirklichkeit verdrängen lassen wird, Zitat:
„Heute ist mein dreißigster Geburtstag, und ich sitze auf dem Ozeanwellen-Karussell im Schulhof, warte auf Kate und denke an nichts. Im einunddreißigsten Jahr meiner dunklen Pilgerreise auf dieser Erde weiß ich weniger als je zuvor. Nichts habe ich gelernt, als Merde zu erkennen, wenn ich sie sehe; nichts sonst habe ich von meinem Vater geerbt als eine gute Nase für jede Spezies der umlaufenden Scheiße. Es ist mein einziges Talent, die Merde zu riechen, wo auch immer, in diesem wahren Jahrhundert der Merde, dem großen Scheißhaus des wissenschaftlichen Humanismus, wo die Bedürfnisse befriedigt sind, jedermann eine warmherzige und kreative Persönlichkeit wird und prosperiert wie ein Mistkäfer, und die Leute tot-tot-tot sind, und die Malaise sich niedergelassen hat, wie radioaktiver Niederschlag, und die Angst der Leute nicht die Bombe ist, sondern das Ausbleiben der Bombe…Und da, dreißig Jahre alt geworden, weiß ich gar nichts, und nichts bleibt mir als das Verlangen.“ (3), Zitat Ende.
Walker Percy hat die Hauptrolle seines Debüt-Romans, mit einer Person besetzt, die im existentialistischen Sinne eines Sören Kirkegaards und Jean Paul Sartre agiert. Und mit jedem Tag im weiteren Leben des Jack Bickerson Bolling, auf seiner Suche nach mindestens doch dem Glück, wird dieser, mit der Verzweiflung eines unverbesserlichen Romantikers, schließlich irgendwann an sein Ziel gelangen.
Nicht unerwähnt darf an dieser Stelle die filigrane Sprache des Autors bleiben. Der bei seinen Schilderungen ohne jedweden aufdringlichen Firlefanz von Wortgetöse auskommt, Zitat: „Durch die großen, staubigen Entlüftungsfenster kam die Augustsonne und musterte den Raum mit gelben Streifen (…). Die Gegenwart des Gebäudes verzauberte mich: minutenlang konnte ich auf dem Fußboden sitzen und das Steigen und Fallen der Stäubchen im Sonnenlicht betrachten. Ich versuchte Harry auf diese Gegenwart aufmerksam zu machen, aber er zuckte die Achseln und arbeitete weiter, ganz und gar unberührt von der Einzigartigkeit der Zeit und des Ortes.“ (4), Zitat Ende.
Es war bereits meine soundsovielte Lektüre dieses Buches und ich bin wiederum dankbar dafür, es wieder gelesen zu haben, denn dieser Jack Bolling ist für mich eine literarische Figur, die so exemplarisch und magisch zugleich, die Abwesenheit eines Anwesenden figuriert, wie man es selten genug findet. Peter Handke, der das Buch kongenial ins Deutsche übersetzt hat, schreibt in seiner Anmerkung am Ende des Romans, Zitat: „…, dass der Moviegoer wieder ein Held ist, wie er nach Camus‘ Fremdem kaum mehr möglich schien; und nicht nur ein Held sondern ein Heiliger.“ (5), Zitat Ende.
Walker Percy, „Der Kinogeher“, Deutsch von Peter Handke, Hardcover, 221 Seiten, Auflage 2016, Preis: 22.00 EUR, ISBN: 978-3-5182-2494-6, Suhrkamp Verlag Berlin, Band 1494 der Bibliothek Suhrkamp;
(1) Der Kinogeher, S.95
(2) ebd. S.21
(3( ebd. S.211
(4) ebd. S.58
(5) ebd. S.221